„Solange das innere Feuer brennt“

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Am 20. März will Christoph Strasser in der deutschen Hauptstadt Berlin einen neuen 24-Stunden-Weltrekord aufstellen. Der dreifache Sieger des Race Across America über Blender, Ziele und den Freischwimmer.

Ein Interview von Georg Michl

+++ Link zur Vortragsreihe von Christoph Strasser +++

Herr Strasser, Sie werden am 20. März in Berlin versuchen, den Weltrekord im 24-Stunden-Fahren zu brechen. Wie kam es zu dieser Idee?

CHRISTOPH STRASSER: Es ist seit einigen Jahren mein Traum, diesen Weltrekordversuch anzugehen. Der ursprüngliche Plan war es, das in der Halle, sprich im Velodrom, zu fahren, aber das ist organisatorisch schwer machbar und die Hallenmieten sind extrem hoch. Das Wiener Ferry-Dusika-Stadion kostet etwa 15.000 Euro am Tag. Das steht nicht dafür. Nun hatte „Specialized“ die Idee, es bei einer bestehenden Veranstaltung zu machen. Da sind dann auch mehr Leute dort.

Ein 24-Stunden-Rennen ist für Sie ja eigentlich ein Sprint . . .

STRASSER: Das mag vielleicht im Vergleich zum RAAM (Anm.: Race Across America) so wirken, aber das ist es nicht. Es ist trotzdem eine Ultra-Ausdauerbelastung und der Körper funktioniert auf der selben Ebene wie beim RAAM. Ich muss nicht viel härter oder schneller trainieren als sonst. Um 24 Stunden schnell zu sein, muss man einfach Langzeitausdauer haben.

11001802_846007522122985_6690267211659732673_nSTRASSER: Ich habe einen Vier-Wochen-Zyklus. In den drei Belastungs-Wochen trainiere ich 30 Stunden pro Woche, in der lockereren, vierten, 15 Stunden.

Wie ist das Verhältnis von Einheiten auf dem Rad zu denen auf dem Ergometer?

STRASSER: Das ist eigentlich flexibel und ich tue da nicht groß herum. Wenn es schön ist, fahre ich draußen, sonst drin. Wenn fünf, sechs, sieben Stunden auf dem Trainingsplan stehen, dann mache ich das einfach. Im Februar bin ich eigentlich durchgehend auf dem Ergometer gesessen. Da ist im Kopf schon einiges an Motivation gefragt.

Wenn man die weiße Wand ansieht . . .

STRASSER: (lacht) Ich habe einen Beamer, der die weiße Wand mit Bildern „verschönert“. Am liebsten schaue ich Tennis oder Skifahren. Serien kann ich mir gar nicht anschauen.

Der Rekordversuch ist der Auftakt in ein neues Jahr, was steht heuer an?

STRASSER: Im Mai fliege ich nach Amerika und am 16. Juni geht es beim Race Across America los. Dann werde ich wieder im Spätsommer wohl das Race Around Austria fahren, oder ein anderes Rennen.

Es gibt noch ein paar weiße Flecken auf Ihrer Landkarte, wann werden Sie diese erschließen?

STRASSER: Bei der Tortour (Anm. Rund um die Schweiz) habe ich den Gewissenskonflikt mit meinem Österreich-Bezug, da es am gleichen Tag wie das Race Around Austria beginnt. Da bringe ich es nur schwer übers Herz, in der Schweiz zu fahren. In der Schweiz ist die Stimmung kühler, distanzierter – wegen der Mentalität der Schweizer. Aber das Rennen fehlt mir halt noch. In Österreich ist es herzlicher, mit mehr Begeisterung und einfach cooler. Aber ich habe es halt schon einmal gewonnen und jetzt muss ich es mir gut überlegen, wo ich fahre.

Würde Sie eine Rundfahrt in einem Team reizen?

STRASSER: Ich bin Realist genug, zu wissen, dass das eigentlich eine komplett andere Sportart ist. Dort hätte ich keine Meter und daher reizt es mich nicht. Der Vergleich im Einzelzeitfahren hingegen schon. 2014 war ich beim Promi-Zeitfahren der Ö-Tour am Neusiedlersee dabei. Ich glaube, ich bin auf Platz 100 von 125 Teilnehmern im Profifeld gefahren.

Hermann Maier wurde beim Prolog der Tour de France einmal Letzter. Da ist Platz 100 okay . . .

STRASSER: Ich bin zwar nicht Letzter geworden, aber ich fahre ja auch ein bisschen mehr Rad als der Hermann. Enttäuscht war ich nicht, aber ich habe mir erhofft, dass ich irgendwo in der Mitte bin. Aber die Realität war anders.

Zu kurz?

STRASSER: Zu kurz, zu schnell. Die Jungs sind so unglaublich spritzig und kraftvoll, dass ich da nicht mitkomme. Es gibt in Graz ein paar Hobbyfahrer, die mich bergauf stehen lassen, wenn wir beim Krankenhaus losfahren und auf die Ries hinauffahren. Aber wenn wir in Salzburg starten und dann auf die Ries hinauffahren, bin ich wieder bei den schnelleren dabei. Ich bin bergauf nicht schlecht, aber kurz und bergauf geht gar nicht.

Es gibt viele verschiedene Weltmeister in Ultradistanzen. Ist das kein Thema?
STRASSER: Alles, was mit dem Radfahren zu tun hat, interessiert mich, da es keinen Dachverband und keine offiziellen Weltmeisterschaften gibt. Wenn es 15 Altersklassen bei so einem Bewerb gibt und dann auch 15 Weltmeister, muss die Wertigkeit jeder für sich selber wissen. Für mich gibt es nur einen Sieger – den Schnellsten.

Wie wäre es mit Rennen auf dem Mountainbike?

STRASSER: Wahrscheinlich wäre es für die Zuseher lustig, für mich aber nicht. Ich bin technisch zu schwach und außerdem habe ich Sturzangst. Seit vielen Jahren springt mir die Schulter recht leicht heraus und daher bin ich bei einigen Sachen vorsichtig. Darum habe ich auch beim Schwimmen nach dem Freischwimmer aufgehört.

Also auch kein Ironman?

STRASSER: Das wird nichts werden. Nein.

Duathlon?

STRASSER: Vielleicht irgendwann einmal. Aber auch wenn das Training beim Radfahren eintönig ist, macht es mir einfach mehr Spaß als ein Lauf- oder etwa Schwimm-Training. Ich habe das Talent für das Radfahren und Spaß macht es mir auch. Da muss ich nicht auf Gewalt etwas anderes machen.

Fahren Sie mehr mit dem Auto oder mit dem Rad?

STRASSER: Absolut mit dem Rad. Ich rechne in Stunden und da komme ich im Training ungefähr auf 1000 pro Jahr. Mit durchschnittlich 30 km/h sind das 30.000 Kilometer.

Welche Sportler bewundern sie?

STRASSER: Es ist wichtig, dass man Vorbilder hat. Egal, was man schon erreicht hat. Man kann sich von anderen Leuten viel abschauen. Wenn es gut läuft, die Bescheidenheit. Es hat jeder Facetten. Mich faszinieren etwa Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic wegen ihrer mentalen Fähigkeiten. Bei Nadal war es immer das kampfbetonte Spiel, Federer war jahrelang top und trotzdem immer motiviert. Aber auch Thomas Frühwirth, der querschnittsgelähmt ist und im Rollstuhl unglaubliche Leistungen bringt, fasziniert mich.

Was geht gar nicht?

STRASSER: Leute, die die Papp’n aufreißen, wo aber nichts dahinter ist. In einem Sport, in dem man sich selbst vermarkten muss, gibt es viele Menschen, die Leistungen erfinden und sich extrem gut hinstellen. Wenn man dann genau nachsieht, sind die Leistungen aber nur Mittelmaß.

Was wäre Ihr Traumbewerb?

STRASSER: Ein RAAM, nur nicht so heiß. Nicht durch die Wüste und vielleicht mit einem etwas normaleren Wetter. Oder wenn es so was auf anderen Kontinenten gäbe. Durch Afrika wäre geil, aber das wird es wegen der politischen Lage wohl nie geben.

Wenn man so einen Rekord hält, welche Ziele und welche Motivation gibt es da noch?

STRASSER: Juri Robic hat fünf Siege beim RAAM, mir fehlen noch zwei auf ihn. Mit Wolfgang Fasching und mir gibt es zwei Dreifachsieger. Zwischen Robic und uns ist niemand mehr.

Wie kann man sich eigentlich derart überwinden?

STRASSER: Die achtmonatige Vorbereitung und das Training sind viel mehr Leidensweg und Überwindung als das Rennen. Viele fragen mich, wie man die Monotonie und den Schlafentzug im Rennen aushält. Die eigentliche Frage ist aber, wie hält man die acht Monate vorher alleine aus. Wenn diese acht Monate gehen, hast du so eine Hemmschwelle überschritten, dann gehen die acht Tage auch noch. Da stellt man sich die Sinnfrage nicht. Die habe ich mir eher heute in der Früh auf dem Ergometer gestellt.

Haben Sie Angst, an Ihrem eigenen Rekord zu zerbrechen?

STRASSER: Das habe ich nicht, wobei mir schon klar ist, dass die Marke jetzt sehr hoch ist. Es ist aber auch nicht mein Anspruch, den Rekord beim RAAM ständig zu verbessern. Für Medien und Sponsoren ist das Brechen der Rekorde natürlich immer interessant.

Sie denken sich also nie, „hätte ich doch was gescheites gelernt“?

STRASSER: Das denke ich mir zum Glück nie. Ich würde alles wieder gleich machen.

Wie fühlt man sich, wenn man ins Ziel kommt und man ist langsamer als im Vorjahr?

STRASSER: Ich will durchkommen und sagen können, dass ich alles gegeben und nicht taktiert oder aufgesteckt habe. Dass ich jedes Watt auf den Asphalt gepresst habe. Dann ist es im Idealfall so, dass ich schneller bin als die anderen. Die Frage ist eher, wie man damit umgeht, wenn man nach dem ersten Tag weiß, dass sich der Rekord nicht ausgeht. Mir ist bewusst, dass meine Leistung aus dem Vorjahr sehr hoch war, aber man darf nicht vergessen, dass das Rennen auch neun Tage dauern kann und man hat im Grunde die gleich gute Leistung gebracht. Mein Team und ich haben uns schon so ein Wissen aufgebaut und Geheimnisse gelüftet, wie man diverse Situationen gut bewältigen kann. Eigentlich ist es jedes Jahr einfacher geworden, da wir Probleme von früher einfach nicht mehr aufkommen lassen. Mit diesem „Werkzeugkoffer“ haben wir die Chance, noch ein paar Jahre Geschichte zu schreiben und den Sport weiter auszubauen. Das ist die Motivation.

Wie lange wollen Sie das noch machen?

STRASSER: Solange das innere Feuer brennt, geht es noch. Körperlich spüre ich überhaupt keine Probleme, im Gegenteil.

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